Viele Eltern kennen dieses Gefühl: Das eigene Kind nimmt die Welt irgendwie anders wahr, reagiert intensiver oder geht ganz eigene Wege. Begriffe wie ADHS, Autismus oder Lernbesonderheiten fallen – und oft bleiben erst einmal viele Fragen.
Unter dem Motto „Wunderbar anders“ lohnt sich ein neuer Blick: Neurodivergenz ist keine Schwäche, sondern Teil menschlicher Vielfalt. Doch was bedeutet das konkret für den Familienalltag? Welche Herausforderungen gibt es – und wo liegen die Stärken?
Wir haben mit der Projektleiterin der Familienakademie Rostock (Teil der Elternzeit RFS gGmbh), Anne Fischer sowie Dr. Daniela Hameister, Psychologische Beraterin und Fachberaterin für Hochsensible, und Stephanie Kaye, Inhaberin der Praxis für Lerntherapie & pädagogische Familienberatung in Rostock gesprochen und die wichtigsten Fragen gesammelt, die Eltern wirklich bewegen.
Bevor wir über Neurodivergenz sprechen: Wer sind Sie und wie begleiten Sie Kinder und Familien in Ihrem Alltag?
Anne Fischer: Sehr gern! Mein Name ist Anne Fischer und ich bin Projektleiterin und Coach bei der Familien-akademie Rostock. Wir bieten regelmäßig Veranstaltungen für Eltern sowie Pädagoginnen und Pädagogen zu verschiedenen Themen an. Dafür holen wir uns verschiedene Expertinnen ins Haus, so wie Daniela und Stephanie.
Stephanie Kaye: Hallo, ich heiße Stephanie Kaye und arbeite seit fast 15 Jahren im Bereich der Lerntherapie und Familienberatung mit Kindern, Jugendlichen und ihren Familien in meiner Praxis in Rostock zu-sammen. Wir beschäftigen uns mit Themen wie Schulängsten, Konzentrationsschwierigkeiten, Mo-tivationsproblemen, Lese- und/oder Rechtschreibstörungen (LRS), Dyskalkulie, ADHS, Hochsen-sibilität und Hochbegabung.
Daniela Hameister: Hallo auch von meiner Seite, ich bin Daniela Hameister und seit vier Jahren in Rostock als Psycho-logische Beraterin mit dem Schwerpunktthema „Hochsensibilität“ tätig. Ich begleite Erwachsene sowie Kinder und Jugendliche auf ihrem Weg, die Hochsensibilität als Stärke anzunehmen und einen Weg zu finden, mit den vielen Reizen im Arbeits- und Schulalltag umzugehen.
Was bedeutet „neurodivergent“ eigentlich?
Anne: Neurodivergent bedeutet erst einmal, dass das Gehirn und Nervensystem etwas anders als die Norm funktioniert. Es verarbeitet Reize anders, nehmen die Welt anders wahr oder weisen unge-wöhnliche Gedankenmuster auf. Gleichzeitig kann es auch Herausforderungen geben, beispielsweise in der sozialen Interaktion oder durch eine erhöhte Reizoffenheit. Auch innerhalb der neurodivergenten Menschen gibt es eine sehr große Vielfalt und jeder Mensch hat seine eigenen Stärken und Herausforderungen. Unter anderem gehören ADHS, Autismus, Hochsensibilität, Hochbegabung, LRS und Dyskalkulie in den Bereich Neurodivergenz.
Woran merken Eltern oft als erstes, dass ihr Kind „anders tickt“?
Daniela: Die meisten Eltern kommen zu mir, wenn sich ihr Kind anders verhält, anders fühlt, mehr fühlt oder oft müde und erschöpft vom Alltag ist. Häufige Themen sind Schwierigkeiten mit Verän-derungen, soziale Situationen die stressen, ein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn oder Reize, die einfach nicht ausgeblendet werden können. Manchmal sind es auch Wutausbrüche – sogenannte Meltdowns – oder der extreme Rückzug des Kindes, der Eltern aufhorchen lässt. Und viele be-schreiben, dass sie schon früh ein Bauchgefühl hatten, dass „irgendetwas anders ist" – noch bevor sie es in Worte fassen.
Mit welchen Fragen oder Sorgen kommen Familien am häufigsten zu Ihnen?
Was hilft Eltern im Alltag ganz konkret, ihr Kind besser zu verstehen und zu unterstützen?
Wo stoßen Familien besonders häufig an Grenzen – z. B. in Kita oder Schule?
Welche einfachen Strategien helfen in stressigen Situationen oder bei Reizüberflutung?
Daniela: Das Wichtigste ist: Ruhe vor Reaktion. Wenn ein Kind in einer Reizüberflutung steckt, braucht es zuerst einen sicheren, ruhigen Rückzugsort – weg vom Lärm, weg vom Trubel. Weniger Reize, weniger Worte, mehr Raum. Feste Routinen und klare Strukturen geben diesen Kindern Sicherheit und helfen, den Alltag besser vorherzusagen. Auch kleine Pausen zwischendurch – bevor die Erschöpfung kommt – machen einen großen Unterschied. Bewegung, frische Luft oder ruhige Beschäftigungen wie Malen oder Hören von Lieblingsmusik können helfen, das Nervensystem wie-der zu beruhigen. Und manchmal ist das Beste, was Eltern tun können, einfach da zu sein – ohne Druck, ohne Erklärungen, ohne Erwartungen und ihr Kind so zu akzeptieren wie es ist. Als Tools empfehle ich immer Kopfhörer, Fidget toys für die Beruhigung, aber auch kleine Übungen zur Beruhigung wie die 5-Finger-Atmung oder haptische Aufkleber.
In meinen Beratungen schauen wir aber immer auf die jeweilige Herausforderung des Kindes und dann werden die einzelnen Übungen individuelle für das Kind erarbeitet.
Welche Stärken bringen neurodivergente Kinder oft mit, die manchmal übersehen werden?
Welche Unterstützungsangebote sollten betroffene Eltern in MV unbedingt kennen?
Was möchten Sie Eltern mitgeben, die gerade erst merken: Mein Kind ist „wunderbar anders“?
Lieben Sie Ihr Kind, wie es ist. Stellen Sie dieses Gefühl über alle Erwartungen, Vorstellungen oder eigene Herausforderungen. Machen Sie sich frei davon, im „08/15-Stil“ durchs Leben gehen zu können oder zu müssen, nehmen Sie Hilfe, Ideen und Ratschläge offen an und treten Sie in kei-nen Konkurrenzkampf mit anderen Eltern, der Schule oder innerhalb der eigenen Familie. Ihre El-ternliebe wird Ihr Kind durch sein ganzes Leben tragen.
Akzeptieren Sie Ihr Kind so, wie es ist, denn so ist es wundervoll – mit all seinen Empfindungen und Stärken. Begleiten Sie Ihr Kind auf dem Weg durch Kita und Schule, aber auch im Familien-system. Dem Kind das Gefühl zu geben „Ich bin nicht allein, mich versteht jemand“, ist ein großes Geschenk. Und wenn Sie in der Rolle der Mutter oder des Vaters nicht weiterkommen, holen Sie sich Unterstützung. Meist ist die neutrale Rolle ein Gamechanger.
Auch wenn es herausfordernd sein kann: Wir können viel von unseren Kindern lernen, vor allem wenn sie „wunderbar anders“ sind. Und falls die Herausforderungen zu groß werden, gibt es Menschen, die unterstützen können.
Vielen Dank für das Interview!

19.09.2026 von 09-16 Uhr in der Frieda23 in Rostock
Unsere Themen: Hochsensibilität, ADHS, Hochbegabung, Autismus und weitere
Kostenfreier Eintritt zum Informationstag für Eltern und Pädagoginnen und Pädagogen:
