Wunderbar anders – neurodivergente Kinder verstehen
Stephanie Kaye, Anne Fischer und Dr. Daniela Hameister im Interview
Familienleben in MV | Hilfe & Beratung | Jugend
22. Juni 2026 | Diana Wienbrandt

Viele Eltern kennen dieses Gefühl: Das eigene Kind nimmt die Welt irgendwie anders wahr, reagiert intensiver oder geht ganz eigene Wege. Begriffe wie ADHS, Autismus oder Lernbesonderheiten fallen – und oft bleiben erst einmal viele Fragen.

Unter dem Motto „Wunderbar anders“ lohnt sich ein neuer Blick: Neurodivergenz ist keine Schwäche, sondern Teil menschlicher Vielfalt. Doch was bedeutet das konkret für den Familienalltag? Welche Herausforderungen gibt es – und wo liegen die Stärken?
Wir haben mit der Projektleiterin der Familienakademie Rostock (Teil der Elternzeit RFS gGmbh), Anne Fischer sowie Dr. Daniela Hameister, Psychologische Beraterin und Fachberaterin für Hochsensible, und Stephanie Kaye, Inhaberin der Praxis für Lerntherapie & pädagogische Familienberatung in Rostock gesprochen und die wichtigsten Fragen gesammelt, die Eltern wirklich bewegen.

Stephanie Kaye, Anne Fischer und Dr. Daniela Hameister

Bevor wir über Neurodivergenz sprechen: Wer sind Sie und wie begleiten Sie Kinder und Familien in Ihrem Alltag?

Anne Fischer: Sehr gern! Mein Name ist Anne Fischer und ich bin Projektleiterin und Coach bei der Familien-akademie Rostock. Wir bieten regelmäßig Veranstaltungen für Eltern sowie Pädagoginnen und Pädagogen zu verschiedenen Themen an. Dafür holen wir uns verschiedene Expertinnen ins Haus, so wie Daniela und Stephanie.

Stephanie Kaye: Hallo, ich heiße Stephanie Kaye und arbeite seit fast 15 Jahren im Bereich der Lerntherapie und Familienberatung mit Kindern, Jugendlichen und ihren Familien in meiner Praxis in Rostock zu-sammen. Wir beschäftigen uns mit Themen wie Schulängsten, Konzentrationsschwierigkeiten, Mo-tivationsproblemen, Lese- und/oder Rechtschreibstörungen (LRS), Dyskalkulie, ADHS, Hochsen-sibilität und Hochbegabung.

Daniela Hameister: Hallo auch von meiner Seite, ich bin Daniela Hameister und seit vier Jahren in Rostock als Psycho-logische Beraterin mit dem Schwerpunktthema „Hochsensibilität“ tätig. Ich begleite Erwachsene sowie Kinder und Jugendliche auf ihrem Weg, die Hochsensibilität als Stärke anzunehmen und einen Weg zu finden, mit den vielen Reizen im Arbeits- und Schulalltag umzugehen.

Was bedeutet „neurodivergent“ eigentlich?

Anne: Neurodivergent bedeutet erst einmal, dass das Gehirn und Nervensystem etwas anders als die Norm funktioniert. Es verarbeitet Reize anders, nehmen die Welt anders wahr oder weisen unge-wöhnliche Gedankenmuster auf. Gleichzeitig kann es auch Herausforderungen geben, beispielsweise in der sozialen Interaktion oder durch eine erhöhte Reizoffenheit. Auch innerhalb der neurodivergenten Menschen gibt es eine sehr große Vielfalt und jeder Mensch hat seine eigenen Stärken und Herausforderungen. Unter anderem gehören ADHS, Autismus, Hochsensibilität, Hochbegabung, LRS und Dyskalkulie in den Bereich Neurodivergenz.

Woran merken Eltern oft als erstes, dass ihr Kind „anders tickt“?

Daniela: Die meisten Eltern kommen zu mir, wenn sich ihr Kind anders verhält, anders fühlt, mehr fühlt oder oft müde und erschöpft vom Alltag ist. Häufige Themen sind Schwierigkeiten mit Verän-derungen, soziale Situationen die stressen, ein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn oder Reize, die einfach nicht ausgeblendet werden können. Manchmal sind es auch Wutausbrüche – sogenannte Meltdowns – oder der extreme Rückzug des Kindes, der Eltern aufhorchen lässt. Und viele be-schreiben, dass sie schon früh ein Bauchgefühl hatten, dass „irgendetwas anders ist" – noch bevor sie es in Worte fassen.

Mit welchen Fragen oder Sorgen kommen Familien am häufigsten zu Ihnen?

Stephanie: Viele Eltern melden sich meist im Grundschulalter ihrer Kinder, weil sie Rückmeldun-gen zu Schwierigkeiten im Sozial- oder Lernverhalten erhalten. Oft kommen Bauch- oder Kopfschmerzen, Schulunlust und ein Gefühl von Überforderung hinzu. Obwohl verstärkt geübt oder mehr Konzentration eingefordert wird, bessert sich die Situation häufig nicht. Das Kind verzweifelt, Eltern geraten unter Druck und Themen wie Scham, Vergleich und Wettbewerb belasten zusätzlich.
Gerade in der Grundschulzeit zeigen sich häufig Anzeichen von ADHS, LRS oder Dyskalkulie. Deshalb ist es wichtig, dass Eltern und Lehrkräfte aufmerksam hinschauen und gemeinsam pas-sende Unterstützungsmöglichkeiten entwickeln. Ist das nicht möglich, vermittle ich oft zwischen den Beteiligten oder biete dem Kind einen „sicheren Hafen“, in dem es erlebt, dass Lernen Freude machen kann und seine Anstrengungen gesehen werden.
Im Jugendalter suchen viele Familien Unterstützung, weil Jugendliche dem Schuldruck kaum noch standhalten, an sich und ihrer Identität zweifeln oder keine Perspektive für die Zeit nach der Schule sehen. Hier begleite ich meist beratend als Schnittstelle zwischen Schule, Elternhaus und gegebenenfalls einer Psychotherapie.

Was hilft Eltern im Alltag ganz konkret, ihr Kind besser zu verstehen und zu unterstützen?

Stephanie: Treten Schwierigkeiten in der Schule, beim Lernen oder im Sozialverhalten auf, geraten Familien oft unter Druck. Hilfreich ist es dann, die Situation gemeinsam zu betrachten und die Erwartungen an das Kind mit seinen individuellen Stärken und Herausforderungen in Einklang zu bringen.
Gerade bei ADHS, LRS oder Dyskalkulie stellen Eltern im Gespräch oft fest, dass sie ähnliche Erfahrungen aus ihrer eigenen Schulzeit kennen. Dann hilft ein offener und konstruktiver Austausch mit den Lehrkräften, um gemeinsam passende Lösungen zu finden. Auch der Austausch mit anderen Eltern, die Reflexion der eigenen Haltung, Wissen über die jeweilige Besonderheit oder Elterngruppen – etwa zu ADHS – können wertvolle Impulse für den Familienalltag geben.
Ich erlebe immer wieder, dass Eltern von Beratung, Austausch und Unterstützung profitieren. Je sicherer sie sich im Umgang mit den Herausforderungen fühlen, desto gelassener und verständnis-voller können sie ihr Kind begleiten. Das ist aus meiner Sicht eine der wertvollsten Formen der Unterstützung.

Wo stoßen Familien besonders häufig an Grenzen – z. B. in Kita oder Schule?

Stephanie und Daniela: Familien stoßen oft an ihre Grenzen, wenn die Anforderungen in Kita oder Schule nicht zu den Bedürfnissen ihres Kindes passen oder Unterstützung ausbleibt. Viele Eltern wünschen sich, dass ihr Kind verstanden wird und die Hilfe bekommt, die es braucht, statt einfach nur funktionieren zu müssen.
Besonders herausfordernd sind häufig Übergänge – zum Beispiel von der Kita in die Grundschule oder später auf die weiterführende Schule. Neue Menschen, neue Abläufe und unbekannte Umgebungen können Kinder mit ADHS, Hochsensibilität oder anderen neurodivergenten Besonderheiten stark belasten. Sie reagieren dann oft mit Angst, Wut, Rückzug oder Verweigerung.
Hier braucht es viel Geduld und Verständnis. Für Eltern ist es nicht immer leicht, diese Gefühle mit auszuhalten und ihr Kind durch solche Phasen zu begleiten. Externe Vertrauenspersonen können dabei helfen, die Situation von außen zu betrachten und gemeinsam passende Wege zu finden.
Die meisten Eltern möchten ihre Kinder dabei unterstützen, mit Herausforderungen umzugehen und zu einer starken Persönlichkeit heranzuwachsen. Genau dabei möchten wir Familien begleiten.

Welche einfachen Strategien helfen in stressigen Situationen oder bei Reizüberflutung?

Daniela: Das Wichtigste ist: Ruhe vor Reaktion. Wenn ein Kind in einer Reizüberflutung steckt, braucht es zuerst einen sicheren, ruhigen Rückzugsort – weg vom Lärm, weg vom Trubel. Weniger Reize, weniger Worte, mehr Raum. Feste Routinen und klare Strukturen geben diesen Kindern Sicherheit und helfen, den Alltag besser vorherzusagen. Auch kleine Pausen zwischendurch – bevor die Erschöpfung kommt – machen einen großen Unterschied. Bewegung, frische Luft oder ruhige Beschäftigungen wie Malen oder Hören von Lieblingsmusik können helfen, das Nervensystem wie-der zu beruhigen. Und manchmal ist das Beste, was Eltern tun können, einfach da zu sein – ohne Druck, ohne Erklärungen, ohne Erwartungen und ihr Kind so zu akzeptieren wie es ist. Als Tools empfehle ich immer Kopfhörer, Fidget toys für die Beruhigung, aber auch kleine Übungen zur Beruhigung wie die 5-Finger-Atmung oder haptische Aufkleber.

In meinen Beratungen schauen wir aber immer auf die jeweilige Herausforderung des Kindes und dann werden die einzelnen Übungen individuelle für das Kind erarbeitet.

Welche Stärken bringen neurodivergente Kinder oft mit, die manchmal übersehen werden?

Anne: Häufig sind sie zum Beispiel sehr kreativ und haben eine blühende Fantasie. Oder sie sind ganz besonders wissbegierig. Sie sehen die Welt noch einmal anders und finden dadurch ganz neue Lösungen für Probleme. Wenn es Themen gibt, die Sie besonders interessieren, können Sie schon in jungen Jahren kleine Expert*innen werden. Manche zeichnet auch ein ganz besonderes Gerechtigkeitsempfinden oder eine hohe Empathie aus.

Welche Unterstützungsangebote sollten betroffene Eltern in MV unbedingt kennen?

Anne: Es gibt so viele tolle Unterstützungsangebote, allein in und um Rostock. Da ist es schwer, hier welche herauszupicken. Wer einen ersten Eindruck für ein Thema und die passenden Unterstützungsangebote bekommen möchte, der ist am 19.09.2026 in die Frieda23 in Rostock eingela-den. Neben Daniela Hameister und Stephanie Kaye wird sich zum Beispiel auch die Deutsche Ge-sellschaft für das hochbegabte Kind vorstellen sowie die Autismusambulanz der Volkssolidarität. Auch gfi ProCare wird vor Ort sein und seine vielfältigen Unterstützungsmöglichkeiten aufzeigen. Wir könnten die Liste noch weiterführen… Wer Hilfe sucht kann sich auch immer gern an die Familienakademie wenden, wir können dann hoffentlich über unser Netzwerk weiterhelfen.

Was möchten Sie Eltern mitgeben, die gerade erst merken: Mein Kind ist „wunderbar anders“?

Lieben Sie Ihr Kind, wie es ist. Stellen Sie dieses Gefühl über alle Erwartungen, Vorstellungen oder eigene Herausforderungen. Machen Sie sich frei davon, im „08/15-Stil“ durchs Leben gehen zu können oder zu müssen, nehmen Sie Hilfe, Ideen und Ratschläge offen an und treten Sie in kei-nen Konkurrenzkampf mit anderen Eltern, der Schule oder innerhalb der eigenen Familie. Ihre El-ternliebe wird Ihr Kind durch sein ganzes Leben tragen.
Akzeptieren Sie Ihr Kind so, wie es ist, denn so ist es wundervoll – mit all seinen Empfindungen und Stärken. Begleiten Sie Ihr Kind auf dem Weg durch Kita und Schule, aber auch im Familien-system. Dem Kind das Gefühl zu geben „Ich bin nicht allein, mich versteht jemand“, ist ein großes Geschenk. Und wenn Sie in der Rolle der Mutter oder des Vaters nicht weiterkommen, holen Sie sich Unterstützung. Meist ist die neutrale Rolle ein Gamechanger.
Auch wenn es herausfordernd sein kann: Wir können viel von unseren Kindern lernen, vor allem wenn sie „wunderbar anders“ sind. Und falls die Herausforderungen zu groß werden, gibt es Menschen, die unterstützen können.

Vielen Dank für das Interview!

19.09.2026 von 09-16 Uhr in der Frieda23 in Rostock

Unsere Themen: Hochsensibilität, ADHS, Hochbegabung, Autismus und weitere

Kostenfreier Eintritt zum Informationstag für Eltern und Pädagoginnen und Pädagogen:

  • Kennenlernen und ins Gespräch kommen mit unterschiedlichen Unterstützungsangeboten
  • Impulsvorträge mit Fragerunden
  • Raum für Austausch mit anderen Besuchern
Mehr Informationen zu "wunderbar anders"  
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